Was macht die Cloud zum Game Changer?

Dies und weitere Insights im folgenden Interview mit Dr. Imke Jacob, Junior Partnerin bei McKinsey Deutschland, und Arnulf Keese, Digitalvorstand der DKB.
Was macht die Cloud-Technologie zu einem Game-Changer in nahezu allen Branchen?

Dr. Imke Jacob: „Unabhängig von der Industrie treiben Cloud-Lösungen die Standardisierung von Prozessen voran und ermöglichen somit ein völlig neues Level an Skalierung und Automatisierung. Neben diesen eher ‚Effizienz-lastigen' Vorteilen geht mit der Ent­wicklung der Cloud aber auch ein ganzes Eco­system einher: Hier sind Zusatz­features denkbar, die die Differenzierung zu Wett­bewerbern unterstützen können. Beispiele hierfür wären eine Co-Creation von Produkten mit Cloud-Anbietern, die Nutzung von deren Produkten oder sogar die Erschließung neuer Kanäle. Der Business Case für die Cloud rechnet sich nicht allein über Kosten."

Wie kann eine Bank mit hohem Kundenfokus von der Cloud profitieren und was sind die Top-3 Herausforderungen?

Dr. Imke Jacob: „Bei der Kunden­fokussierung ist insbesondere die Zeit ein Erfolgs­faktor – Zeit im Sinne von Antwort­zeit auf Kunden­anfragen, aber auch als Time-to-Market von Angeboten oder in der Kapazität im Sinne Zeit­aufwand und Ressourcen. Cloud-Technologie hat genau das zum Vorteil, neben der Effizienz im Technologie­bereich werden Geschäfts­prozesse optimiert und Innovationen vorangetrieben, was wiederum das Wachstum unterstützt.

 

In einer unserer letzten Umfragen unter Finanz­dienstleistungs­instituten haben wir genau die Frage nach Heraus­forderungen gestellt – was steht dem Einsatz von Cloud-Lösungen entgegen? Das Ergebnis war: Die Komplexität der Migration schreckt viele ab (und auch die fehlenden Mitarbeiter mit den entsprechenden Fähigkeiten). Darüber hinaus sehen viele das Thema Business Case sowie nicht zuletzt Sicherheitsbedenken als Hindernisse. In Summe sehen wir, dass das Thema Private Cloud die Bedenken derzeit noch mehr ausräumt als der Gang in die Public Cloud – aber wie sagt man, ‚Cloud is a journey, not a destination'."

Welche Form der Cloud-Migration wird sich am Finanzmarktplatz durchsetzen?

Arnulf Keese: „Finanzinstitute können die gleichen Vorteile aus der Cloud holen, wie alle anderen Unternehmen auch. Und das ist vor allem Skalierbarkeit, Geschwindigkeit und Flexibilität.

 

Skalierbarkeit ergibt sich aus der fast unendlichen Verfügbarkeit von Rechen- und Speicherkapizität der Hyperscaler. Damit kann man Nachfrage­spitzen und Wachstum abfedern, aber auch komplizierte Berechnungen z.B. für Meldewesen abbilden, weil man immer nur die Kapazität bezahlt, die man nutzt. Und diese zusätzliche Kapazität kann innerhalb von Sekunden hochskaliert werden – vollautomatisch.

 

Geschwindigkeit bietet die Cloud, weil als Voraussetzung für die Skalierbarkeit alle Produktions­schritte vollautomatisiert laufen müssen – einher geht, dass man die Anzahl der Releases beliebig erhöhen kann.

 

Flexibilität gewinnt man durch Einsatz der Cloud, weil durch die Automatisierung der Fokus weg von sich wiederholenden administrativen Tätigkeiten zu wertstiftenden Weiter­entwicklungen am Produkt verschiebt. Vom kleinsten Startup bis zum größten Konzern - alle profitieren davon."

Kann eine europäische Public Cloud die Lösung sein, um einheitliche Standards zu etablieren?

Dr. Imke Jacob: „Die großen Anbieter sind schon sehr weit entwickelt – alleine im deutschen Markt sehen wir, dass die Anzahl der Ankündigungen von Banken zur Zusammen­arbeit mit diesen ‚Spielern' in der letzten Zeit immens zunimmt. Eine Präferenz für einen Anbieter ist aber nicht zu erkennen und die Standards sind hier bereits sehr fortgeschritten."

 

Arnulf Keese: „Ehrlich gesagt sehe ich aktuell keine einheitliche Lösung über die Public Cloud. Europa hat die letzten 20 Jahre die Entwicklung der Cloud verpasst und folgt dabei einem Trugschluss: Denn die Hyperscaler bieten nicht nur Infrastruktur und Rechen­kapazität, sondern vor allem eine Ökosystem aus Werkzeugen und Dienst­leistungen. Man kann innerhalb von ein paar Stunden ein komplettes Rechen­zentrum samt Anwendungen mit integriertem Marketing auf die Beine stellen. Egal ob man ein Startup oder ein globaler Konzern ist. Größe ist irrelevant, Geschwindigkeit und Kreativität alles. Die Cloud hat Infrastruktur demokratisiert.

 

Eine europäische Public Cloud wäre wünschenswert, aber dabei nur an Leitungen und Server zu denken, ist nicht ausreichend. Konzeption und Entwicklung, die richtigen Ressourcen, Tools und Services sind dabei auch relevant. Überspitzt sind klassische DIN-Standards nicht der richtige Weg, sondern Open Source Initiativen optimieren ihre Lösungen und daraus entstehen quasi sichere und effiziente Standards, denen die Welt folgt."